Es ist die wohl meistzitierte Zahl in der Welt der Arbeitssicherheit: 2,2. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz als Sicherheitsfachkraft (SiFa) oder HR-Verantwortlicher tätig ist, kommt an diesem Wert nicht vorbei. Die Rede ist vom sogenannten Return on Prevention (ROP). Die dahinterstehende Botschaft ist so simpel wie verlockend: Für jeden Euro, den ein Unternehmen in den Arbeitsschutz investiert, fließen 2,20 Euro als wirtschaftlicher Nutzen zurück.
Die Botschaft „Prävention lohnt sich“ ist das Totschlagargument in jedem Budgetgespräch. Doch während die Zahl 2,2 mit einer mathematischen Präzision kommuniziert wird, die wissenschaftliche Exzellenz suggeriert, offenbart ein Blick in die Methodik der zugrunde liegenden Studie ein gänzlich anderes Bild. Wer die ökonomische Sinnhaftigkeit von Arbeitssicherheit bewerten will, muss verstehen, warum die DGUV Studie Kritik verdient und warum der ROP-Wert eher eine Marketing-Kennzahl als ein belastbares betriebswirtschaftliches Datum ist.
Die Basis: Was ist der Return on Prevention eigentlich?
Die Studie „Return on Prevention: Berechnung des Nutzens von Investitionen in den Arbeits- und Gesundheitsschutz für Unternehmen“ (kurz ROP-Studie) wurde im Jahr 2013 veröffentlicht. Initiiert durch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM), sollte sie endlich den empirischen Beweis liefern, dass Arbeitsschutz Kosten und Nutzen in ein positives Verhältnis setzt.
An der Untersuchung beteiligten sich 337 Unternehmen aus 19 Ländern. Das Ziel war ambitioniert: Man wollte den ökonomischen Erfolg von Prävention messbar machen. Das Ergebnis – der ROP-Faktor von 2,2 – ging um die Welt und wurde zum Standardrepertoire in der Ausbildung von Sicherheitsfachkräften. Doch wer heute eine fundierte Investitionsentscheidung auf Basis dieser Studie treffen möchte, stößt auf gravierende methodische Mängel.
Der Selektionsbias: Eine Befragung unter Gleichgesinnten
Eines der fundamentalsten Probleme jeder wissenschaftlichen Erhebung ist der sogenannte Selektionsbias. Wenn ich wissen möchte, wie gesund Fast Food ist, darf ich nicht ausschließlich Menschen befragen, die gerade ein Fitnessstudio verlassen. Doch genau das ist bei der ROP-Studie passiert.
An der Befragung nahmen fast ausschließlich Unternehmen teil, die ohnehin schon eine positive Einstellung zum Arbeitsschutz hatten und aktiv Präventionsmaßnahmen umsetzten. Unternehmen, die Arbeitsschutz als lästige Pflicht oder reinen Kostenblock betrachten, waren in der Stichprobe unterrepräsentiert oder gar nicht vorhanden. Die Autoren der Studie räumen diesen Umstand zwar ein, ziehen daraus jedoch einen abenteuerlichen Schluss: Sie argumentieren, dass dies zu einer „vorsichtigen Schätzung“ führe.
In der Realität führt ein solcher Bias jedoch zu einer Verzerrung der Ergebnisse. Wenn man nur die „Besten“ fragt, bekommt man ein Bild der „Besten“ – eine Verallgemeinerung auf die gesamte Wirtschaft ist wissenschaftlich schlicht nicht zulässig.
Die 2,2-Falle: Wenn Schätzungen zu Fakten werden
Der wohl kritischste Punkt der Studie betrifft die Datenerhebung selbst. Wer glaubt, dass für den ROP 2,2 harte Controlling-Daten, Bilanzen oder Fehlzeitenstatistiken akribisch ausgewertet wurden, irrt. Der zentrale Wert basiert auf einer einzigen subjektiven Meinungsfrage.
Die Interviewpartner wurden gebeten, das Verhältnis von Nutzen zu Kosten zu schätzen. Die Skala begann bei 1,0 und konnte in 0,2er-Schritten gesteigert werden. Wir haben es hier also mit einer rein subjektiven Einschätzung von Einzelpersonen zu tun, die zudem oft in einer Position sind, in der sie ein Eigeninteresse daran haben, den Erfolg ihrer Arbeit (der Prävention) positiv darzustellen.
Trotz dieser weichen Datenlage wird der Wert 2,2 bis heute mit zwei Nachkommastellen kommuniziert. Diese Scheingenauigkeit täuscht eine wissenschaftliche Belastbarkeit vor, die die ursprüngliche Datenquelle niemals hergegeben hat. Ein Mittelwert aus vagen Schätzungen bleibt eine vage Schätzung – kein mathematisches Gesetz.
Äpfel, Birnen und globale Durchschnittswerte
Ein weiterer Punkt, der bei der DGUV Studie Kritik hervorruft, ist die fragwürdige Aggregation der Daten. Die Studie fasst Unternehmen aus Ländern wie Vietnam, den USA, Deutschland und der Elfenbeinküste zusammen.
Jeder Betriebswirt erkennt hier das Problem: Diese Länder haben völlig unterschiedliche Lohnniveaus, Rechtssysteme, Währungsstabilitäten und soziale Sicherungssysteme. Die Kosten eines Arbeitsunfalls in einem Hochlohnland mit strenger Haftung sind nicht vergleichbar mit denen in einem Schwellenland. Diese Werte zu einem globalen Mittelwert zu verschmelzen, mag für eine internationale Organisation wie die IVSS politisch opportun sein, für eine betriebswirtschaftliche Analyse in einem deutschen Mittelstandsbetrieb ist dieser Wert jedoch ohne jede Aussagekraft.
Henne oder Ei: Das Problem der Kausalität
Die Studie suggeriert eine klare Kausalität: Investiere in Arbeitsschutz (A), dann steigt dein wirtschaftlicher Erfolg (B). Wissenschaftlich ist dieser Zusammenhang jedoch ungeklärt. Es ist ebenso wahrscheinlich – wenn nicht sogar wahrscheinlicher – dass erfolgreiche, liquide Unternehmen es sich schlicht leisten können, mehr Geld in den Arbeitsschutz zu investieren.
In diesem Fall wäre der gute Arbeitsschutz ein Symptom des wirtschaftlichen Erfolgs, nicht dessen Ursache. Solange diese Kausalität nicht durch Längsschnittstudien oder kontrollierte Experimente belegt ist, bleibt die Behauptung, dass Prävention den Erfolg direkt verursacht, eine unbewiesene Hypothese.

Zwischen Marketing und Wissenschaft: Eine defensive Branche
Es ist auffällig, wie emotional die Arbeitsschutz-Community reagiert, wenn der ROP-Wert hinterfragt wird. Oft wird sachliche Kritik an der Methodik als Angriff auf die gesamte Profession der Sicherheitsfachkräfte gewertet. Man hat das Gefühl, an einem Dogma zu rütteln.
Dies ist ein deutliches Zeichen für ein „Marketing-first“-Denken. Anstatt einen ehrlichen wissenschaftlichen Diskurs zu führen und zuzugeben, dass wir schlichtweg bessere Daten brauchen, wird der ROP 2,2 wie eine Monstranz vorangetragen. Das ist schade, denn die Grundidee ist absolut richtig: Ein sicherer Arbeitsplatz ist zweifellos besser für das Unternehmen als ein unsicherer. Doch wer mit falschen oder schwachen Zahlen argumentiert, verliert langfristig seine Glaubwürdigkeit gegenüber der Geschäftsführung und dem Controlling.
Fazit: Mehr Forschung, weniger Dogmatismus
Die Richtung der ROP-Studie mag stimmen: Prävention lohnt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den meisten Kontexten. Aber die Zahl „2,2“ ist ein wissenschaftliches Artefakt ohne fundierte Basis.
Für HR-Verantwortliche und Unternehmer bedeutet das: Verlassen Sie sich bei Investitionsentscheidungen nicht auf pauschale Weltformeln aus dem Jahr 2013. Nutzen Sie stattdessen eigene Daten, berechnen Sie die tatsächlichen Kosten von Ausfallzeiten in Ihrem spezifischen Kontext und betrachten Sie Arbeitsschutz als Teil einer modernen Unternehmenskultur – nicht als eine magische Geldvermehrungsmaschine.
Wir brauchen im Arbeitsschutz dringend neue, methodisch saubere Studien, die den Nutzen von Prävention im digitalen Zeitalter und unter modernen Arbeitsbedingungen (Stichwort: psychische Belastung) wirklich messen, statt ihn nur zu schätzen. Bis dahin sollte der ROP 2,2 als das behandelt werden, was er ist: Ein griffiger Slogan, aber kein belastbares Faktum.